Glosse für "Gemeinsam leben" Heft 4, 2003

 

Von der Pionier- zur Durchsetzungsphase

- Gedanken bei der Gründung einer Elterninitiative-

 

Und es trägt doch Früchte, unser Lebenswerk. Auch wenn es mitunter mit der Ernte ziemlich lange dauert. "Wo bleiben nur die neuen Eltern, die sich weiterhin für "Integration" stark machen?", diese Frage ist häufig zu hören und es wird beklagt, dass der Elan der Anfangszeit vorbei sei, die jungen Eltern wohl resigniert haben, das Interesse an der Sache verloren hätten oder einer "Konsummentalität" erlegen wären. Das Beispiel einer vor einem halben Jahr neu entstandenen Elterninitiative in Brühl (Rheinland) zeigt jedoch, dass der Strom der Integrationsbewegung alles andere ist als ein Rinnsal, das langsam versiegt, dass er vielmehr immer wieder auch aus lange unsichtbar gebliebenen Quellen gespeist und gestärkt wird.

Voraussetzung für Einrichtung und Ausbreitung des Gemeinsamen Unterrichts in den Regelschulen der Bundesrepublik ist – so lehrt die Erfahrung von 30 Jahren - fast immer das Vorhandensein integrativer Kindergärten vor Ort. Dass sich daran bis heute nichts geändert hat, das konnte ich in diesem Jahr in der Stadt, in der ich seit vielen Jahren wohne, erfahren.

Lange war "mein Brühl" ein weißer Fleck auf der Integrationskarte in Nordrheinwestfalen – kein einziger integrativer Kindergarten im gesamten Stadtgebiet, nicht zu reden von einem Modell zur Erprobung des Gemeinsamen Unterrichts in Brühls Schulen. Während sich schon 1978 im benachbarten Bonn eine Elterninitiative des integrativen Montessori-Kindergartens zur Schaffung eines Integrations-Modells an einer Regelschule gebildet hatte, war hier diesbezüglich komplette Fehlanzeige.

Dieser Zustand dauerte ziemlich lange, nämlich genau ein Vierteljahrhundert, bis zum März dieses Jahres. Seitdem versucht nun auch hier eine Gruppe von Müttern und Vätern, deren Kinder in die 1999 eröffnete integrative Tageseinrichtung der Stadt Brühl gehen, die Fortsetzung gemeinsamen Lernens und Lebens in der Grundschule von den Schulbehörden genehmigt zu bekommen. Besonders bemerkenswert an dieser Elterngruppe ist, dass die meisten von ihnen Eltern eines nicht behinderten Kindes sind. Viele von ihnen wohnen Haus an Haus in einem Neubaugebiet, in dem auch der integrative Kindergarten liegt, der überwiegende Teil von ihnen stammt nicht aus Brühl, sondern ist zugezogen.

Auf dem ersten Info-Abend der Brühler Elterninitiative "Gemeinsam lernen- Für einen integrativen, gemeinsamen Unterricht von der Grundschule an" fühlte ich mich wie von einer Zeitmaschine um 25 Jahre zurückversetzt in meine eigene "Pionierzeit" in Bonn. Es war (fast) wie damals: die Ähnlichkeit in der Gruppenstruktur – mehrheitlich "Mittelklasse-Eltern"; die Formulierung ihrer Forderungen (auch mittels eines Faltblattes); die geplanten Durchsetzungsstrategien als da sind Gespräche mit den Politikern im Brühler Rat, den Schulbeamten vor Ort und im Kreis, mit den Schulen und den anderen Eltern. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gelten als besonders wichtig, Podiumsdiskussionen und die Präsenz bei örtlichen Veranstaltungen sowie der Kontakt zu anderen Vereinen und Organisationen, die als Bündnispartner gewonnen werden sollen, stehen weit oben auf der Agenda. Besonders gefallen haben mir die spürbare Entschlossenheit und das Gruppenbewusstsein der Eltern, die erkannt haben, dass es "Einzelkämpfer" deutlich schwerer haben, ihr Ziel zu erreichen als eine Gruppe, die mehr Druck auf die Behörden ausüben und mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erreichen kann und in der die Last der Arbeit, je nach Kompetenz und Einsatzmöglichkeiten der Mitglieder, auf mehrere Schultern verteilt werden kann. Dieses Bewusstsein ließ sie noch vor den Sommerferien Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben- Gemeinsam lernen" Nordrhein-Westfalen werden.

Ein erstes Ergebnis haben diese Power-Eltern mit ihrem Senkrechtstart schon erreicht: die Brühler "Barbara-Grundschule" hat ein Kind mit Down-Syndrom als "Einzel-Integration" aufgenommen. Die Schulleiterin und die Klassenlehrerin vom Anliegen der Eltern zu überzeugen, war nicht besonders schwer und sie waren schon nach kurzer Zeit bereit, sich "der Herausforderung für uns alle" zu stellen. Aber auch die Eltern der anderen Kinder zeigten sich bei einem ersten Informationsabend in der Schule überwiegend interessiert und willens, das "Wagnis" mitzutragen. Jetzt hoffen alle, dass die Stadt Brühl es ab dem nächsten Schuljahr je nach Bedarf und Nachfrage möglich macht, dass "Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen unter geeigneten Voraussetzungen in einer Klasse unterrichtet werden" (so die Initiative in ihrem Faltblatt).

Gerade dieser rasche Erfolg zeigt, dass die Eltern es heute glücklicherweise schon, bei allem, was auch ihnen zu tun bleibt, wesentlich leichter haben, ihre Forderungen durchzusetzen als wir "Pioniere" vor vielen Jahren. Sie können auf vielem, was wir erkämpft haben, aufbauen, sie brauchen das Rad nicht mehr neu zu erfinden. Und so sehen wir Altvorderen mit Genugtuung und Freude, dass unsere "Vorarbeit" alles andere als umsonst war und nun gute Früchte trägt. Auch wenn die Durchsetzung der Integration von Kindern mit Beeinträchtigungen in das Regelschulsystem nicht kontinuierlich verläuft, wenn es vielerorts Lücken und Pausen gibt, kann doch festgestellt werden: Die Zeit hat für den Gemeinsamen Unterricht gearbeitet. Hilfreich ist in der langen Phase seiner Durchsetzung sicher, dass nun in der Regel (und nicht als Ausnahme) immer mehr Menschen, auch wenn sie selbst kein behindertes Kind haben, mit Verständnis, Toleranz und Teilnahme reagieren, wenn es darum geht, Kinder mit Beeinträchtigungen voll am Leben der Gemeinschaft teilhaben zu lassen. So war der sehr einfühlsame Bericht über die Einschulung des Kindes mit Down-Syndrom im "Kölner Stadt-Anzeiger" bezeichnenderweise mit dem Titel erschienen "Anders, aber einer von uns- Brühler Kind mit Down-Syndrom geht nun in eine Grundschule".

Die "Durchsetzungsphase" ist aber auch dadurch gekennzeichnet, dass es nach einem Vierteljahrhundert Integrationstheorie und –praxis kaum jemand mehr offen und öffentlich zu bezweifeln wagt, dass Gemeinsamer Unterricht "geht", dass er vorteilhaft für alle Kinder, ob beeinträchtigt oder nicht, ist, wenn die dazu nötigen Voraussetzungen geschaffen werden. Zum Glück gehören auch die anmaßenden, verletzenden Pöbeleien und persönlichen Verunglimpfungen, denen wir alten Integrationseltern so oft ausgesetzt waren, der Vergangenheit an. Kein Wort also mehr von "pädagogischer Kindesmisshandlung" oder von den "linken Spinnern". Nicht zu vergessen ist natürlich auch die Änderung des Schulpflichtgesetzes (in NRW 1995), das endlich das "Reichsschulpflichtgesetz" von 1938 ablöste und den Weg von Kindern mit Beeinträchtigungen in das Regelschulwesen ebnen half, auch wenn er durch den Haushaltsvorbehalt stark eingeschränkt ist und den Eltern kein wirkliches Wahlrecht einräumt. Jedenfalls hat die neue Gesetzeslage einen positiveren und sachlicheren Umgang von Behörden und Politikern mit den Eltern bewirkt. Und schließlich kommt dem Wunsch der Eltern der allmählich wachsende politische Wille entgegen, weniger Schülerinnen und Schüler mit Benachteiligungen aus dem Regelschulsystem auszugliedern.

In diesem Sinne: Ein herzliches "Glückauf" allen Brühler "Integrationseltern".

Christa Roebke